nachklingendes licht: els van riel

Es fällt schwer, über zeitgenössische und alternative Filmgeschichte zu sprechen, ohne dabei Els van Riel als eine der einflussreichsten und prominentesten Künstlerinnen ihrer Generation zu erwähnen. In ihren Filmen, Performances und Installationen ist 16mm-Filmmaterial das zentrale Element, durch das hindurch sie Zeit, Licht, Bewegung und Materialität erforscht. Ihr Fokus liegt auf der lichtempfindlichen Emulsion des Filmstreifens, der Lichtbrechung im Objektiv und den Möglichkeiten des filmischen Apparates selbst. In Unwritten Page (2001), der in schwachen Lichtverhältnissen durch einen Stofffilter hindurch gefilmt wurde, wirkt das Bild zunächst beinahe malerisch. In Gradual Speed (2013) bearbeitet sie manuell die Geschwindigkeit des Filmstreifens, von praktischem Stillstand bis hin zu den standardmäßigen 24 Bildern pro Sekunde, und verändert so die Wahrnehmung von Bewegung und Zeit. Fugue, A Light’s Travelogue (2017) untersucht die physischen Qualitäten von natürlichem und künstlichem Licht, während sich Elliptic (2025) anhand von vorbestimmten Fokusverschiebungen mit Tiefe und Lichtstreuung auseinandersetzt. Van Riel, die in Brüssel lebt und in Fotografie und Film ausgebildet wurde, hat auch als Vorführerin gearbeitet und war Teil der experimentellen Kollektiven Labo BxL und Cinéma Parenthèse. Ihre Arbeit kreist um die Mechanismen des Lichts und die epistemologische Funktion des technischen Apparates. Die Kamera und der Projektor sind nicht nur bloße Werkzeuge, sondern haben aktiv an der Produktion von Wahrnehmung und Wissen teil. Durch die Manipulation von Belichtung, Fokus, Projektion und Zeitlichkeit enthüllt sie optische und fotochemische Prozesse, die in der alltäglichen Wahrnehmung üblicherweise unsichtbar bleiben. In van Riels Arbeiten ist die technische Apparatur deutlich spürbar. Durch subtile Interventionen scheinen Bilder zu verblassen, sich zu verschieben und zu verwandeln, während Experimente mit Licht und Fokus einen eigentümlichen Rhythmus der Beobachtung und Reflexion erzeugen. Ihre Arbeiten laden das Publikum zu einer Form „radikaler Aufmerksamkeit“ ein und legen nahe, dass langanhaltende Beobachtung die Wahrnehmung verändert und die Wiederentdeckung des Gewöhnlichen ermöglicht. Charakteristisch für van Riels Werk ist eine rohe und heruntergebrochene Ästhetik, die dennoch sinnlich und emotional präsent bleibt. Ihre Filme existieren in der Spannung zwischen struktureller Strenge und poetischer Wahrnehmung, zwischen der mechanischen Apparatur des Kinos und der organischen Materialität von Film. Die Arbeit mit 16mm-Material bedeutet einen direkten Kontakt mit der Chemie, dem Korn und der Textur des Mediums selbst. In der Installation Omer (2014) betonen Filmfrequenzen in Endlosschleife die mechanischen Geräusche des Projektors und das projizierte Licht, wodurch die vergängliche Natur von analogem Film in den Vordergrund tritt. In Static Vagues (2026) erforscht van Riel die räumlichen Eigenschaften der Projektion anhand von acht synchronisierten 16mm-Projektoren entlang einer 180-Grad-Oberfläche. Hier schwenkt zum ersten Mal ihre Kamera langsam entlang eines Waldrandes, hin zu einer Panoramalandschaft. Die Bildsprache ist romantisch und doch unsentimental. Es entsteht eine beinahe physische Schwingung, die die Sinneswahrnehmung der Zuschauer*innen zutiefst berührt. Ein weiterer wesentlicher Aspekt in van Riels Arbeiten ist ihre Zusammenarbeit mit Komponist:innen und Tonkünstler:innen. Anstatt das Bild aktiv umzuformen, entstehen minimalistische und subtile Klanglandschaften in jenem Grenzraum, in dem das Visuelle endet – nicht daneben, sondern durch es hindurch –, wie eine unsichtbare Strömung, die das Gesehene mit dem Wahrgenommenen verbindet. Diese Klangwelten öffnen Risse in der Oberfläche des Bildes, durch die Erinnerungen, Empfindungen und zeitliche Schichten Gestalt annehmen. Geräusch, Ton und Rhythmus werden zu mehr als nur hörbaren Phänomenen; sie sind Kräfte, die die Wahrnehmung selbst neu gestalten. Das Bild lauscht ebenso sehr, wie es zeigt. Der Klang führt die Betrachtenden hin zu dem, was sich der Sprache entzieht – dem Zerbrechlichen, dem Flüchtigen und dem noch nicht vollständig Artikulierten – und wird so nicht zum Ausdruck von Emotionen, sondern zu einer Denkweise. In dieser Begegnung zwischen Klang und Bild erscheint die Welt nicht als etwas Gegebenes, sondern als ein Prozess des ständigen Werdens.

( Daniel A. Swarthnas )

do 10/09 18:00 | nachklingendes licht – els van riel pt. 1 (screening in der pupille)

Unwritten Page basiert auf einer hyperrealistischen optischen Täuschung. Der Film wurde in leicht nebligem Licht durch einen Stofffilter hindurch gefilmt, den van Riel im Zwin Naturpark aufgehängt hat. Bei dieser Begegnung entsteht ein Trompe-l’œil-Effekt, der darauf abzielt, dass das Filmbild zunächst wie ein Gemälde wirkt. Nur durch Bewegung wird die materielle und optische Konstruktion des Bildes enthüllt. Der Film spiegelt die musikalische Struktur von Antoine Beugers Komposition wider, in der Stillstand und allmähliche Veränderung zentrale Elemente sind. Wie die Musik arbeitet auch der Film mit einer Form von visueller Stille: ein reines weißes Feld ähnelt einer blanken Seite, einer ’unbeschriebenen Seite‘, bevor sich irgendein Bild oder Gedanke formt. Der weiße Stoff fungiert als Schleier zwischen den Betrachtenden und der Landschaft und kann symbolisch als Studie von Abwesenheit erfahren werden. Das Licht selbst, zusammen mit einer von Abwesenheit geprägten Landschaft, wird statt irgendeiner abgebildeten Szenerie das primäre Subjekt des Films. Gradual Speed basiert auf einer Sammlung aufgezeichneter Bilder, die eine postmediale Reflektion über das allmähliche Verschwinden analoger Filmpraktiken sind. Das Schwarz-Weiß-16mm-Material wird gleichzeitig als materieller Träger und als metaphorische Struktur dessen, was unzugänglich bleibt, verwendet. _Indem der Verschluss zunächst offen gehalten und die Bildfrequenz allmählich erhöht wird, verändert sich die Belichtungszeit konstant und erzeugt so eine Wahrnehmungsverschiebung zwischen Stillstand, beschleunigter Bewegung und Angleichung an Echtzeit. Diese zeitlichen Modulationen stellen Repräsentation, Beständigkeit, Liebe und Verlust infrage. Die Arbeitist in Teilenvon Vladimir Shevchenkos Dokumentation über Tschernobyl inspiriert, bei der die Empfindlichkeit der Filmemulsion Spuren radioaktiver Strahlung aufzeigt und so die Funktion von Film als materielle Erfassung von Licht und verbleibenden Spuren ausstellt.

In Anwesenheit von Els van Riel

Unwritten Page

R: Els van Riel, 16mm, farbe, ton, 10 min, 2001

Gradual Speed

R: Els van Riel, 16mm, s&w, ton, 52 min, 2013

Els van Riel - Unwritten Page (2001)
Els van Riel - Unwritten Page (2001)
Els van Riel - Gradual Speed (2013)
Els van Riel - Gradual Speed (2013)
Els van Riel - Gradual Speed (2013)
Els van Riel - Gradual Speed (2013)

sa 12/09 13:00 | nachklingendes licht – els van riel pt. 2 (screening im dff)

Fugue, A Light’s Travelogue bewegt sich zwischen Wissenschaft und Philosophie. In einer Reihe von Bildern, Projektionen und abgefilmten Sequenzen umkreist der Film Licht, das sowohl konkret als auch flüchtig ist, ein Mysterium, das die Menschheit ständig zu verstehen versucht, aber nie vollständig einfangen kann. In Fugue wird das Licht Erzählerin und Reisender zugleich, Teil einer filmischen Fuge, in der die Wahrnehmung nicht mehr fest verankert ist, sondern sich entlang der Zeit streut. Der Film denkt durch die Bewegung hindurch, statt sie zu repräsentieren: Bilder treiben dahin, kehren zurück und werden wie Motive einer musikalischen Struktur verwandelt. Hier ist die Fuge keine Flucht, sondern eine Verstrickung von Erinnerung, Optik und Dauer. Das Licht erleuchtet nicht; es schreibt Passagen des Werdens, wo sich das Sehen als Wiederholung und Verzögerung entfaltet. Das Kino tritt als theoretisches Feld hervor, in dem das Sehen immer schon in Bewegung ist und nie bei einer festgelegten Bedeutung ankommt. Elliptic ist eine ruhige Erforschung des Sehens und davon, wie Film die Art und Weise, in der wir die Welt wahrnehmen, verändern kann. Der Film richtet seinen Blick auf die optischen Prozesse hinter dem Sehen und auf den fundamentalsten Baustein des Kinos: dem Licht. Über einen Fokus auf Zeit, Bewegung und Kameratechnik wird das Bild als Resultat von reflektiertem Licht betrachtet, wo Lichtstrahlen gebrochen, verzerrt und durch das Objektiv und durch ihre Begegnung mit verschiedenen Formen reflektiert werden. Der Film besteht aus Bildern von Auslassungen, Unschärfe und langsamen Fokusverschiebungen, die sich auf der Suche nach Details durch unklare Gegenstände hindurchbewegen. Dieser Vorgang erzeugt visuelle Überraschungen, bei denen natürliche Objekte und Lichtreflexe eine seltsame Gegenwart erlangen. Elliptic zeigt die versteckte Physikalität des filmischen Mediums und erinnert uns daran, dass Film, in seiner reinsten Form, nicht die Realität abbildet, sondern vielmehr das Licht sichtbar macht, das dieses Bild ermöglicht.

In Anwesenheit von Els van Riel

Fugue, A Light's Travelogue

R: Els van Riel, 16mm, farbe, ton, 27 min, 2017

Elliptic

R: Els van Riel, 16mm, farbe, ton, 20 min, 2025

Els van Riel - "Fugue, A Light's Travelogue" (2017)
Els van Riel - "Fugue, A Light's Travelogue" (2017)
Els van Riel - Elliptic (2025)
Els van Riel - Elliptic (2025)