frankfurter formen: filme von karl kels

so 13/09 18:30 | frankfurter formen – filme von karl kels (screening in der pupille)

Die Wahrnehmung von Film als zeitbasiertes Medium hat das Verhältnis zwischen realer und filmischer Zeit in den Fokus eines Großteils der philosophischen Untersuchungen des Mediums im 20. Jahrhundert gerückt. Diese Grundsätze der Zeit beschäftigten den in Berlin ansässigen Filmemacher Karl Kels von den frühen 1980ern bis in die späten 2000er. Ob filmische Zeit reale Zeit emuliert, oder ob sie eine durchkomponierte Entität ist, ist eine Frage, die unterschiedlich beantwortet wurde – von denen, die auf die in einer ununterbrochenen Einstellung eingefangene Wirklichkeit vertrauten, wie die Lumière-Brüder, Andy Warhol und die Fluxus-Filmemacher:innen, bis hin zu denen, die an die Kraft der Montage glaubten, um die Zeit zu modellieren, wie Georges Méliès, Sergei Eisenstein und Peter Kubelka. Kubelka, der Kels an der Städelschule in Frankfurt unterrichtete, demonstrierte, wie Montage – ein Riss im Zeit-Raum-Kontinuum – auf der Ebene von Einzelbildern operieren kann, unabhängig von der stabilisierenden Kontinuität einer Einstellung. So konnte Film, ganz wie Musik, Rhythmen und visuelle Symphonien erforschen. Kels entfernte sich in seinen frühen Filmen nicht weit von Kubelkas Lehren, so zum Beispiel in Heuballen und Schleuse, wo er eine Art filmischen Tanz durch Abwandlungen und Wiederholungen orchestriert, der auf der Ordnung der gefilmten Sequenzen anhand von metrischer Montage basiert. In Kondensstreifen werden solche Reize des Rhythmus im visuellen Feld dadurch erweitert, dass Schichten der Filmemulsion ausgewählter Zwischenbilder entfernt werden. Auf diese Weise entsteht ein spielerischer Austausch zwischen den figürlichen und den materiellen Attributen des Mediums. Barber Shop entfernt sich von den früheren Filmen. Der Film ist ein Porträt eines Mädchens, das einen Punkhaarschnitt bekommt, während Kels‘ Kamera auf ihr und den Details des Geschäfts verweilt; eine flüchtige Spiegelung des Filmemachers auf einer glänzenden Messingoberfläche beendet den Film. Das ist ein frühes Beispiel für Kels‘ Arbeit mit Film als Dokumentation und seinem anhaltenden Interesse am Porträtieren. In Stare und Käfig kehrt Kels‘ Fokus zur Materialität von Film zurück, jedoch auf eine andere Weise als in Kondensstreifens. In beiden Filmen kombiniert er Techniken des Duplizierens und Umkopierens mit der metrischen Strukturierung von Einstellungen, die unübliche Rhythmen und Bildtexturen erzeugen. In Stare entstehen aus der Verbindung einer Vogelschar mit dem Filmkorn erstaunliche Konfigurationen am Himmel mit der Mondsichel im Hintergrund. Käfig fragmentiert und kombiniert zwei Aufnahmen eines Nashorns zu einer flackernden, unruhigen Bewegung des Tieres in seinem Gehege, die über die Zeit abnimmt. Das Interesse an Tieren ist ein wesentlicher Aspekt von Kels’ Arbeit. Für Flusspferde, in dem sich die Spannung zwischen echter und komponierter Zeit zuspitzt, filmte Kels minutenlange Aufnahmen von einer dreiköpfigen Flusspferdfamilie am Wiener Tiergarten Schönbrunn. In diesen Aufnahmen suchte Kels‘ aufmerksames Auge nach den unendlichen realisierbaren Möglichkeiten in der uninszenierten dokumentarischen Wirklichkeit – Ereignisse, Objekte, Bewegungen – und montierte sie zu seiner eigenen hochplastischen Welt, jedoch ohne Tarnung oder narrative Dringlichkeit.

( Arindam Sen )

In Anwesenheit von Karl Kels

Heuballen

R: Karl Kels, 16mm, farbe, ohne ton, 2 min, 1981

Kondensstreifen

R: Karl Kels, 16mm, farbe, ohne ton, 3 min, 1982

Schleuse

R: Karl Kels, 16mm, farbe, ohne ton, 5 min, 1985

Barber Shop

R: Karl Kels, 16mm, s&w, ohne ton, 6 min, 1986

Stare

R: Karl Kels, 16mm, s&w, ohne ton, 6 min, 1991

Käfig

R: Karl Kels, 35mm, s&w, ohne ton, 9 min, 2009

Flusspferde

R: Karl Kels, 35mm, s&w, ohne ton, 35 min, 1993

Karl Kels - Kondensstreifen (1982)
Karl Kels - Kondensstreifen (1982)
Karl Kels - Flusspferde (1993)
Karl Kels - Flusspferde (1993)
Karl Kels - Schleuse (1985)
Karl Kels - Schleuse (1985)