spiel und spaß für alle: das kino von robert nelson

Robert Nelson wurde 1930 in San Francisco als Teil einer schwedischen Einwandererfamilie geboren. Inspiriert vom Bay Area Figurative Movement lernte er an der California School of Fine Arts – wo er die Künstler William T. Wiley und Robert Hudson kennenlernte – und widmete sich zehn Jahre lang der Malerei. Ebenso war er fasziniert von der Beat-Literatur (Ferlinghetti und der City Lights Bookstore), Funk Art, der Acid-Kultur von Haight-Ashbury, dem Zen-Center und dem I Ging. Zeit seines Lebens arbeitete Nelson als Verkäufer von Enzyklopädien, Tischler, Türsteher in Nachtclubs oder an Tankstellen. Er gründete die Filmabteilung am San Francisco Art Institute, lehrte an der CalArts und der University of Milwaukee, war an der Gründung von Canyon Cinema beteiligt und war eine der treibenden Kräfte hinter deren Magazin Cinemanews. Plastic Haircut, sein erster veröffentlichter Film, ergab sich aus gelegentlichen Gesprächen mit Wiley, Hudson und Ron Davis – und enthält die erste Aufnahme von Steve Reich, dessen minimalistische Phase Music Nelsons Montage beeinflusste. Die kollektive Energie dieses Austauschs begünstigte seine Zusammenarbeit mit weiteren Künstler:innen (er machte fünf Filme mit Wiley und zwei mit William Allan), Filmemacher:innen (mit seiner Ex-Frau Gunvor Nelson – mit der er die zwei Homemovies Building Muir Beach House und Last Week at Oona’s Bath drehte – oder Mike Henderson), Musiker:innen (Steve Reich, The Grateful Dead, Tweedy Brothers, Moving Van Walters and His Truck) und seinen Studierenden. Er interessierte sich ebenfalls für verschiedene theatrale Formen, die er ins Filmische übersetzte: das Straßentheater der San Francisco Mime Troupe (neben Oh Dem Watermelons, der für die Intermission von A Minstrel Show (Civil Rights from the Cracker Barrel) konzipiert war, filmte er ihre Version von Jarrys Ubu roi), Varieté/Burleske in Plastic Haircut, Confessions of a Black Mother Succuba, The Great Blondino oder das elisabethanische Theater in Hamlet Act. Nelsons Liebe für die Performance ist im prophetischen Ton von King David evident. Zu erwähnen sind auch seine TV-Nachbildung des Ersten Weltkriegs, War Is Hell oder seine Parodie von B-Movies in Suite California. Weiterer Stoff waren anarchische Komödien, die durch die Avantgardefilme der 1920er (Vertov, Buñuel) geprägt sind, persiflierter struktureller Film, Reiseberichte, Landschafts- und Tagebuchfilme, animierte Collagen (ein nicht-nachahmender Einfluss von Conner oder VanDerBeek) und Found Footage (Fernsehen, Hollywoodkino, Magazine). 1965 stellte er fünf Filme fertig; im Jahr des Summer of Love 1967 waren es zehn. Jede Arbeit von Nelson ist eine Abwendung von dem jeweils Vorherigen, auf der Suche nach Dingen, die man noch nie zuvor auf einer Leinwand gesehen hat. Mit Kamera-, Aufnahme-, Kopiergerät und Projektor experimentierte er mit Objektiven, Verschlusszeiten, Winkeln, Jump Cuts, Mehrfachbelichtungen, Blenden und Solarisationen. In seinen Titeln, Untertiteln und Grafiken spielte er mit der rhetorischen und konnotativen Kraft von Sprache (Hot Leatherette, Deep Westurn), übersetzte (Suite California), hantierte mit unterschiedlicher Dauer (Bleu Shut), adressierte das Publikum (Hauling Toto Big), transkribierte phonetisch (Oh Dem Watermelons) oder arbeitete mit nahezu synchronen Tonspuren (Bleu Shut, The Awful Backlash, The Off-Handed Jape). In den 1970ern und 1980ern wurden Nelsons Filme allmählich immer seltener gezeigt. Nachdem er seine Lehrstelle in Milwaukee aufgab, zog er sich in ein Haus in den Bergen von Mendocino zurück. In den späten 1990ern, als seine Filme aufgrund ihres instabilen Materialzustandes nicht mehr zeigbar waren, entschied sich Nelson dazu, seine gesamte Filmographie neu zu überdenken (das hier ist eine Auswahl aus seinen über 40 Filmen). Manche der Filme blieben unverändert, andere wurden mit neuen Schnittfassungen oder Tonspuren wiederbelebt, und wieder andere wurden laut Mark Toscano auf kreative Weise mit einem Papierschredder zerstört oder auf Bobbies gespielt, lackiert, angemalt und so in Kunstobjekte verwandelt.

Kuratiert und vorgestellt von Francisco Algarín Navarro. Vielen Dank an Canyon Cinema und Academy Film Archive für die Bereitstellung der analogen Filmkopien dieses Programms. Bilder mit freundlicher Genehmigung des Künstlers, des Academy Film Archive und der Canyon Cinema Foundation.

fr 11/09 12:00 | spiel und spaß für alle: das kino von robert nelson pt. 1 (screening in der pupille)

In The Awful Backlash entwirren die Hände des Künstlers William Allam in einer einzigen Einstellung Angelgarn, bevor er es wieder auf die Spule wickelt. Die Analogie mit dem Projektor legt eine Erfahrung von Zeitdauer nahe. The Off-Handed Jape wiederholt eine Illusion von Tonsychronie: die vermeintlichen Interaktionen zwischen Nelson und dem Maler William T. Wiley und ihren Pantomimenfiguren sind an verschiedene Orte und Zeiten verlegt. Oh Dem Watermelons, eine Parodie rassistischer Stereotype, begleitet fünfzehn Wassermelonen bei ihrer Misshandlung durch die Straßen der San Franciscoer Stadtviertel Mission und Potrero Hill. Steve Reich markierte den Puls und die Harmonie, indem er die Refrains zweier Minstrel-Show-Songs mit der San Francisco Mime Troupe aufzeichnete. Nelson imitiert mit den Tonbandschleifen Reichs Technik des Phasings in Penny Bright and Jimmy Witherspoon, wo er kakophonische Aufnahmen eines ausgedachten Spiels mit seiner Tochter überlagert, die von Fernsehbildern begleitet werden. In Limitations filmte er seine Studierenden in Milwaukee mit zwei im 180-Grad-Winkel zueinander liegenden Kameras in bis zu vier Schichten umfassenden, simultanen Ansichten. Deep Westurn ist ein Gruppenporträt des Filmemachers Mike Henderson, des Bildhauers William Geus, von Wiley und von Nelson selbst, bei dem sie wiederholt, bis zu 15 mal, von ihren Stühlen fallen. Special Warning ist eine Satire über Bestrafung, ein Gedicht über Isolation und sexuelle Schuld. In Hot Leatherette, bei dem Nelson Einzelbilder und Found Footage benutzt, wird ein Pick-up von einer Klippe am Stinson Beach gefahren. Bleu Shut gibt Wettbewerbsteilnehmenden elf Chancen, den Namen eines Schiffs innerhalb einer Minute zu erraten. Ihre Gespräche passen nur scheinbar zu den Fotografien, darauf folgt eine Minute “gefundener Objekte.” Eine ins Bild eingebrannte Uhr persifliert metrisches Kino.

The Awful Backlash

R: Robert Nelson u. William Allan, 16mm, s&w, ton, 14 min, 1967

The Off Handed Jape

R: Robert Nelson u. William T. Wiley, 16mm, s&w, ton, 9 min, 1967

Oh Dem Watermelons

R: Robert Nelson, 16mm, farbe, ton, 11 min, 1965

Penny Bright and Jimmy Witherspoon

R: Robert Nelson, 16mm, farbe, ton, 4 min, 1967

Limitations

R: Robert Nelson, 16mm, s&w, ton, 9 min, 1988

Deep Westurn

R: Robert Nelson, 16mm, farbe, ton, 5 min, 1974

Special Warning

R: Robert Nelson, 16mm, s&w u. farbe, ton, 6 min, 1998

Hot Leatherette

R: Robert Nelson, 16mm, s&w, ton, 5 min, 1967

Bleu Shut

R: Robert Nelson, 16mm, farbe, ton, 30 min, 1970

Robert Nelson - The Awful Backlash (1967)
Robert Nelson - The Awful Backlash (1967)
Robert Nelson - Oh Dem Watermelons (1965)
Robert Nelson - Oh Dem Watermelons (1965)
Robert Nelson - Bleu Shut (1970)
Robert Nelson - Bleu Shut (1970)
Robert Nelson - The Off Handed Jape (1967)
Robert Nelson - The Off Handed Jape (1967)

fr 11/09 20:30 | spiel und spaß für alle: das kino von robert nelson pt. 2 (screening im dff)

Robert Nelson porträtiert Kalifornien in seiner Suite, die in acht Verlaufsbahnen oder Sätzen strukturiert ist, als komplizierten Kreuzweg, an dem geologische, historische, politische und ökologische Sphären auf persönliche Erinnerungen des Filmemachers an diese Region treffen. Im ersten Teil, der negative Pol von Suite California (Einwanderung, klimatische Erstickung, industrielles Kino), der nahe der mexikanischen Grenze verortet ist, dreht (und persifliert) ein dynamischer Cast – ein Stierkämpfer und eine Gruppe von Tennisspieler:innen unterhalten sich mysteriöserweise auf “gringo-lingo”-Spanisch – einen Suspense-Film. Der bruchstückhafte Prolog, ein Wirbelwind aus Filmklappen, setzt sich allmählich zu Szenen zusammen. Die Prämisse: die fortschreitende Grenzüberquerungsversuche einer Gruppe hispanischer Einwander:innen enden in einem Flugzeugabsturz. Majestätische topo-kartografische Tracking Shots entlang der Autobahnen im Death Valley lassen die Fiktion hinter sich und fahren Richtung Hollywood. Nelson kombiniert einen Besuch bei Will Rogers’ Anwesen/Mausoleum mit Aufnahmen des trubeligen Hollywood Boulevards. Auf einen Edison-Film über Orangenpflücker:innen folgen Szenen der erstickenden Umweltverschmutzung von Los Angeles aus der Perspektive der Hollywood Hills. Zentralkalifornien stellt im zweiten Teil den positiven Pol dar. Frühe Ansichten von Cliff House und Sutro Baths, Panoramaeinstellungen des gegenwärtigen San Francisco, die Rehjagd und Exkursionen zur Sierra Nevada ergeben zusammen mit Nelsons Familiengeschichte – die Rolle seines Vaters beim Bau der Golden Gate Bridge, der Zusammenschnitt von weihnachtlichen Homemovies und die fotografische Albumcollage – das paradiesische Gegenstück zur ersten Hälfte. Jede Landmarke hängt von dem ihr eingeschriebenen Blick ab.

Suite California Stops & Passes Part 1: Tijuana to Hollywood via Death Valley

R: Robert Nelson, 16mm, s&w u. farbe, ton, 46 min, 1976

Suite California Stops & Passes Part 2: San Francisco to the Sierra Nevadas & Back Again

R: Robert Nelson, 16mm, s&w u. farbe, ton, 47 min, 1978

Robert Nelson – Suite California Stops & Passes Part (1976-78)
Robert Nelson – Suite California Stops & Passes Part (1976-78)
Robert Nelson – Suite California Stops & Passes Part (1976-78)
Robert Nelson – Suite California Stops & Passes Part (1976-78)
Robert Nelson – Suite California Stops & Passes Part (1976-78)
Robert Nelson – Suite California Stops & Passes Part (1976-78)

so 13/09 10:30 | spiel und spaß für alle: das kino von robert nelson pt. 3 (screening im dff)

William T. Wileys Gemälde von Charles Blondin, der französische Seiltänzer, der ab 1859 mehrmals die Niagarafälle auf einem Drahtseil (mit verbundenen Augen, während er eine Schubkarre schob oder ein Omelette kochte) überquerte, war die zufällige Inspiration für The Great Blondino. Nelson und Wileys Baudelair’scher Epos (eine Kreuzung aus dem episodischen pikaresken Roman und der Beat-Dichtung) folgt den Streifzügen des außenseiterischen Akrobaten durch die Pop-Landschaft der Bay Area. Von einer buchstäblichen Traumlogik ausgehend (Orgien und Striptease) mischen sich die halluzinatorischen Visionen eines ständigen Aufwachzustands hinzu (Nilpferde trinken Milch, ein Fragezeichen schwebt über seinem Kopf). Nelson verwendet verzogene Objektive, Zeitraffer, Solarisation und eine Bandbreite an Trompe-l'Œil-Effekten, um Blondinos zahlreiche Rückschläge und Wiederauferstehungen darzustellen, bei denen er stets über den Tod hinaussteigt. In Half-Open & Lumpy begleitet Found Footage auf spielerische Weise einen beschleunigten Song der Kinderband Tweedy Brothers, während Hauling Toto Big, Nelsons letzter Film, ein Kompendium von Schwarz-Weiß-Material, unvollendeten Projekten und früheren Filmen (More, Tiger Stymie, He Sees Blind Horses and Bad Poetry, Limitations) ist, das in vier Sätzen entsprechend der Hexagramme des I Ging, des Jazz und der Dichtung strukturiert ist. In dichten, ekstatischen Schichten stellt die mittlere Sektion dieses Magnum Opus Robert B. Services makaberes Liedgedicht The Cremation of Sam MacGee nach, bei dem ein Goldsucher während einer Expedition am Yukon erfriert. Während seiner Einäscherung erwacht er freudig wieder zum Leben und spürt das erste Mal Wärme seit seinem Aufbruch von Zuhause.

The Great Blondino Preview

R: Robert Nelson, 16mm, s&w u. farbe, ton, 4 min 1967

Hauling Toto Big

R: Robert Nelson, 16mm, farbe, ton, 43 min, 1997

Half Open & Lumpy

R: Robert Nelson, 16mm, s&w, ton, 2 min, 1967/1998

The Great Blondino

R: Robert Nelson u. William T. Wiley, 16mm, s&w u. farbe, ton, 42 min 1967

Robert Nelson – The Great Blondino (1967)
Robert Nelson – The Great Blondino (1967)