utako koguchi: O-DE-KA-KE diary 1 & 2
Die Idee einen Programmschwerpunkt der japanischen Experimentalfilmemacherin Utako Koguchi zu widmen, entstand im engen Austausch mit Ute Aurand, die letztes Jahr bei uns zu Gast war. Aurand hat Koguchis Filme 1994 im Rahmen der von ihr mitorganisierten Filmreihe Filmarbeiterinnen-Abende im Berliner Kino Arsenal und in weiteren Kommunalen Kinos gezeigt und ist seitdem mit ihr verbunden. Koguchi studierte an der Theaterwissenschaften und Film an der Waseda Universität in Tokio und begann ab den 1980ern Jahren, zunächst auf Super 8 (The Rain 1981, Etude of Szerny 1982, The Home of Dr. Axolotl 1982), später auf Video (A Melancholic Girl 1983, die Serie Ophelia’s Favorite Book 1995 u.a.), sehr eigenwillige Filme zu drehen und Perfomancekunst zu machen. Ihre Arbeiten rücken die Aufmerksamkeit auf gelebte Erfahrung, Körperliches und verschwimmen (buchstäblich) fixe Geschlechts-Identitäten, Zustände und Raumvorstellungen – so besonders in ihren beiden wegweisenden Tagebuchfilmen O-DE-KA-KE Diary 1 & 2, die im Fokus unserer beiden Programme stehen. Koguchi arbeitete als Tanzlehrerin, Verlegerin und Publizistin sowie Kunsthochschullehrerin an verschiedenen Universitäten. Seit Anfang der 1990er Jahre ist sie eine maßgeblich Stimme in feministische Bewegungen und Debatten innerhalb der, bis dahin vor allem männlich dominierten, japanischen Experimentalfilmszene. Durch ihre Lehrtätigkeit, und kuratorische Arbeit ist sie bis heute, ähnlich wie Aurand, eine beständige Unterstützerin und Begleiterin eine beständige Unterstützerin und Begleiterin junger Filmemacher:innen, insbesondere Frauen.
fr 11/09 17:00 | utako koguchi: O-DE-KA-KE diary 1 (screening in der pupille)
The Sleeping Flower:
„Schließ die Augen, Oma! Schließ bitte die Augen.“
„Sterbe ich? Ich will nicht wie eine Tote sein.“
Dies ist ein Gespräch zwischen einer alten Frau, der Hauptfigur, und ihrer Enkelin (der Regisseurin selbst) während der Dreharbeiten. Es findet eine fiktive Beerdigung der Großmutter statt, die eines Tages sterben wird. Sie wird mit geschlossenen Augen in weißen Papierblumen begraben, doch sie lebt noch. Ihr schlafendes Gesicht, wie man es aus dem Alltag kennt, ist jedoch das Ebenbild des Todes.
Ein alltägliches Gespräch zwischen drei Frauen aus verschiedenen Generationen – einer Enkelin, ihrer Großmutter und ihrer Mutter – entwickelt sich von einem belanglosen Thema zu einer ernsten Auseinandersetzung mit dem Tod, die im Flüsterton geführt wird.
„Hast du Angst vor dem Tod, Oma?“
„Niemals! Ich frage mich nur, warum ich so lange lebe.“
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( Utako Koguchi )
The Sleeping Flower– Die schlafende Blume – das ist ihre Großmutter und die Beiden sind sich sehr nah und zart und vorsichtig. Utako hat sie wie eine Tote gebettet und der ganze Film ist ein großes stilles Lächeln.
Als ich O-DE-KA-KE Diary das erste Mal sah, war da eine ganz besondere Energie (vielleicht eine asiatische?), die mein Dasein verwandelte. Utako Koguchi spielt selbst – sie läuft mit einem leichten Kleid durch Tokio. Sie klettert auf Bäume, schwimmt in Flüssen und Bächen, legt sich zwischen Gleise, durchstreift die Nacht. Wie unsichtbar für ihre Umgebung bewegt sich dieser fremde helle Stern hier in unserer Welt. Verschiedenen Freunden gab sie die Kamera, um ihre Aktionen zu filmen - lebendige, bewegte Bilder, so unbändig wie sie selbst, unbändig in ihrer Neugierde und Lust auf diese Welt und ihrer Traurigkeit auch. Sie durchstreift innere Stimmungen in äußeren Welten. Die Natur und die Zivilisation, den Tag und die Nacht - das Leben und einen Tod. Ein Gesang und Jubel erfüllt mich und gleichzeitige Einsamkeit - da rennt sie und hüpft sie über diese überbelichtete Wiese durch das feuchte hellgrüne Gras - der Tag ist ganz jung und sie wie neugeboren. Und ich auch.
( Ute Aurand )
The Sleeping Flower
R: Utako Koguchi, 16mm, farbe, ton, 7 min, 1991
O-DE-KA-KE Diary 1
R: Utako Koguchi, 16mm, farbe, ton, 47 min, 1989




so 13/09 16:00 | utako koguchi: O-DE-KA-KE diary 2 (screening in der pupille)
Mithilfe von Stop-Motion-Animation – von Koguchi als 無理矢理アニメ (erzwungene Animation) bezeichnet – durchlaufen die Zwillingsschwestern Lulu und Lala in A Dandelion (Rosaceae) zauberhafte körperliche Verwandlungen. Der Film ist eine spielerische und verwirrende Auseinandersetzung mit Sexualität, geschlechtlicher Ambiguität und dem Chaos des Begehrens, entstanden im Schatten der AIDS-Krise. (Cici Peng)
1993 filmte Utako Koguchi ein zweites Tagebuch – jetzt läuft sie selbst mit der Kamera durch die Stadt. Ihre Wege, die Straßen und Häuser, die Nacht und der Morgen – Besuche. Wieder ist da diese Neugierde und der Wunsch alles genau sehen zu müssen, als sähe das Kameraauge mehr – all das, was das Leben verbirgt. Und so begleite ich sie auf ihren Expeditionen im Alltäglichen, die so aufregend werden, wie eine gefährliche Reise.
An der Stelle, an der früher ein Haus stand, steht noch immer das verschlossene Eingangstor, hinter dem hohes Gras wächst. Es war nicht mein Haus, aber es weckt in mir viel Nostalgie, deshalb nenne ich diesen Ort „Haus des Grases“. Nachts spüre ich die Erde dieses Ortes, und ich glaube, dass die Gefühle und Erinnerungen an meine Mutter, mein Kind, das einmal hätte sein sollen, meinen Freund und all meine Lieben dort begraben sind. Wenn die Nacht hereinbricht, breiten sich diese verborgenen Gefühle rasch aus, erfüllen mein Herz und ziehen es zusammen.
Dieser Film findet an Silvester statt. Eine junge Frau lebt allein in einer Wohnung. Und ihr Geist verlässt ihren Körper, um die Wohnung eines ehemaligen Freundes zu besuchen.
( Ute Aurand / Utako Koguchi )
A Dandelion (Rosaceae)
R: Utako Koguchi, 16mm, farbe, ton, 9 min, 1990
O-DE-KA-KE Diary 2 – The Home of Grass
R: Utako Koguchi, 16mm, farbe, ton, 57 min, 1993


